Allen Eager & Denise McCluggage
Bad Aibling [ENA] Wer heute „Desolation Angels“ (dt. Engel dar Trübsal), den halbautobiografischen Roman des Beat-Generation-Autors Jack Kerouac noch einmal in die Hand nimmt, der begleitet Kerouacs literarisches Alter Ego Jack Dulouz in die Hepcat-Bar im New Yorker Greenwich Village, wo er Allen (Allan) Eager hört.
Kerouac verewigte Eager in seiner Novelle „The Subterraneans“ aus dem Jahr 1958 und ließ sich von ihm für die Figur des Bebop-Tenorsaxophonisten Roger Beloit inspirieren. Dem Leser, wenn er Jazz schätzt, klingt gleich ein Solo dieses eher weniger bekannten Saxophonisten ins Ohr. Allen Eager wurde 1927 in New York geboren. Mit 13 Jahren erhielt er Klarinettenunterricht bei Dave Weber vom New York Philharmonic Orchestra. Nach dem Wechsel zum Saxophon arbeitete er mit Bobby Sherwood, Sonny Dunham, Shorty Sherock und Hal McIntyre zusammen. Später schloss er sich Woody Herman an und arbeitete 1945 mit Tommy Dorsey und Johnny Bothwell zusammen.
Er trat in Clubs in der 52nd Street in New York mit Barney Kessel, Zoot Sims, Sid Catlett und Shelly Manne sowie in Los Angeles auf. Von 1946 bis 1948 machte er eine Reihe von Aufnahmen mit seinen eigenen Gruppen zusammen mit Terry Gibbs und Max Roach. Mit den beiden galt er als wichtiger Solist der wachsenden Bop-Szene. Allen Eager hatte einen ähnlichen Tenorsaxophon-Sound wie seine Zeitgenossen Stan Getz, Zoot Sims, Al Cohn und Brew Moore. Gemeinsam nahmen diese von Lester Young beeinflussten und zur Four-Brothers-Schule gehörenden „Fünf Platten“ auf, heute zu hören u.a. auf der Kompilation „Stan Getz-58 Legendary Jazz Tunes“.
In den 1950er Jahren machte er gelegentlich Aufnahmen mit Gerry Mulligan und Terry Gibbs und arbeitete mit Buddy Rich zusammen. Von den genannten fünf hatte Eager die am wenigsten beeindruckende Karriere, da ihm der Wille fehlte, sich vollzeitlich dem Jazz zu widmen. Eagers Persönlichkeit war für viele seiner Freunde und Kollegen ein Rätsel. 1956 lebte er in Paris, wo er begann, Altsaxophon zu spielen. Während sein Interesse am Jazz langsam nachließ, was er vor allem auf Charlie Parkers Tod im Jahr 1955 und etwas widerwillig auch auf Drogen zurückführte, blieben seine anderen Leidenschaften, darunter Skifahren, Frauen und Autorennen, unverändert bestehen.
1960, in die USA zurückgekehrt, spielte er beim Newport Rebels Festival von Charles Mingus. Mit seiner Partnerin, der Sportjournalistin Denise McCluggage, begann er Autorennen zu fahren, zunächst in Florida 1961, wo sie in einem von McCluggage gemeldeten Ferrari 250 GT SWB am 12-Stunden-Langstreckenrennen in Sebring teilnahmen und den zehnten Platz in der Gesamtwertung belegten und einen Klassensieg erreichten. Ihre dokumentierten gemeinsamen Rennen waren dagegen weniger erfolgreich: beim 1000 Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring, dann 1962, jetzt auf einem OSCA S1000 erneut in Sebring und bei den Bridgehampton 400 Kilometres sehen sie unfallbedingt die Zielflaggen nicht.
Weitere Höhepunkte dann in den 1970er Jahren waren Drogenerfahrungen mit Timothy Leary, das Zusammensein mit Celebrities in Kalifornien sowie Jam-Sessions mit Frank Zappa. In den 1980er Jahren begann er sich wieder ernsthaft der Musik zu widmen, dabei eine Europatournee mit Dizzy Gillespie. Nachdem er sich in Florida niedergelassen hatte, war er dort oft bei Konzerten zu hören. Eagers Motorsportkarriere war wegen häufiger Unfälle nur kurz. Die von Denise McCluggage, ebenfalls Jahrgang 1927, dagegen war länger. Sie fuhr als Amateurrennfahrerin Autorennen, zu einer Zeit ,als dies unüblich war und sich das kaum eine Frau traute.
Doch mehr als Trophäen oder Preisgeld, was wegen vieler DNF nicht häufig vorkam, faszinierte sie die Zen-artige Erfahrung des Fahrens. Mit 34 Jahren hatte Denise McCluggage gerade ihren ersten Ferrari gekauft: ein dunkelblaues „Auto, das einem den Atem raubt“, wie sie es gerne beschrieb, „mit hervorragendem Handling und wunderbaren Fahreigenschaften“. Der gebrauchte 250 GT mit kurzem Radstand und Scaglietti-Karosserie aus dem Jahr 1960 hatte sie 9.000 Dollar gekostet und war damit dreimal so teuer wie alles, was sie jemals besessen hatte, so berichtete sie später.
Sie war ein Multitalent mit Prinzipien. Zum Automobilsport war sie auf ungewöhnliche Weise gekommen: Sie war Journalistin und dafür bekannt, dass sie die Extremsportarten, über die sie berichtete, selbst ausübte und darin herausragende Leistungen erzielte. Sie sprang aus Flugzeugen, fuhr Ski in gefährlichen Gebirgen und wurde Fechtmeisterin – alles auf der Suche nach dem, was sie als „die perfekte Meditation“ bezeichnete, die man durch gezielte körperliche Anstrengung erreichen kann und immer, um zu gewinnen. In Sebring war das bei ihren drei vorhergehenden Starts nicht gelungen. Mit Blick auf internationales Prestige waren die 12-Stunden von Sebring hinter Le Mans zweitrangig. Nur, in Le Mans durften keine Frauen starten.
Auch war klar, dass sie nicht allein fahren konnte. Sie kannte Eager, schätzte seine Musik, die von einem Kritiker als „Was auch immer er spielte, es schwang mit einer fröhlichen, leichtfüßigen Qualität und einer rein klanglichen Schönheit“ beschrieben wurde. So schienen sich Eager und McCluggage gut zu verstanden: Sie suchte beim Autofahren suchte sie nach derselben rhythmischen Anmut. So hatte sie Allen Eager monatelang trainiert. Dies sollte sein erstes Rennen überhaupt werden. Doch um sich zu qualifizieren, musste er die ärztliche Untersuchung bestehen. Und das war keineswegs sicher, denn wie viele Jazzmusiker hatte auch Eager mit Drogen experimentiert.
Obwohl er schon seit einiger Zeit clean war, befürchtete McCluggage, dass die obligatorische ärztliche Untersuchung ihn zu Fall bringen könnte. Auch fürchtete sie, dass ihm die Veranstalter die Teilnahme nicht gestatten würden, da er noch nie zuvor ein Rennen gefahren war. McCluggage hatte Eagers Starpower (nicht) außer Acht gelassen. Der Saxophonist hatte mit Tommy Dorsey gespielt und kannte Miles Davis. Die Rennveranstalter waren von dem Rummel, den Eagers Rookie-Rennen auslösen würde, begeistert und gaben ihm daher die Startfreigabe. Denise McCluggage ging Alter von 16 Jahren Kansas zum Studium nach Kalifornien, wo sie 1947 am Mills College ihr Philosophiestudium mit einem Phi-Beta-Kappa-Abschluss beendete.
1947 begann sie für den „San Francisco Chronicle” zu schreiben. Ihre Liebe zum Jazz begann in einer Wohnung, die sie sich mit zwei Studentinnen und deren Klavieren teilte. Über ihnen wohnte Dave Brubeck, der Musiker wie Paul Desmond, Cal Tjader, Ron Carter zu Jam-Sessions einlud. Ihr Weg führte sie zur „New York Herald Tribune“, wo sie über die 1955er Wintersport-Saison schrieb, dann, nachdem der Schnee geschmolzen war über die beginnende Motorsportsaison, an der sie bald aktiv teilnahm. Das Motto war „Es war eine elegante Freizeitbeschäftigung, die jedem offenstand, der sich dafür interessierte, und zwar auf jeder beliebigen Basis: Man konnte am Wochenende vorbeischauen oder sich ganz darauf einlassen;
man konnte es einfach nur zum Spaß und wegen des Nervenkitzels tun oder es sehr ernst nehmen“, wie es Todd McCarthy in seinem „Fast Women: The Legendary Ladies of Racing“ beschreibt. Vor Joe’s Luncheonette in der West 4th Street im Greenwich Village öffnete ihr ihr roter MG-TC eine neue Welt. Steve McQueen, noch nicht sehr bekannt, parkte seinen Creme-farbigen MG-TC neben ihrem und so begann eine kurze Liaison mit gemeinsamem Frühstück und „Abhängen“ in ihrer Wohnung im fünften Stock um die Ecke. Beide hatten an Sanford Meisners Neighborhood Playhouse Schauspiel studiert. Sie sagte hierzu später, dass sie nicht weit gekommen sei, weil ihre Karriere sie in Bereiche führte, die sie interessanter fand als die Schauspielerei.
Sowohl im Journalismus als auch im Autorennsport versuchte McCluggage, die ihr aufgrund ihres Geschlechts auferlegten Grenzen zu ignorieren. Sie beklagte sich selten, sondern kämpfte mit unerbittlicher Beharrlichkeit gegen den Sexismus an. Ihre Devise war in ihren eigenen Worten: „Schau mal nehmen wir einmal an – denn es ist wahr –, dass manche Männer Rennen fahren, um zu beweisen, dass sie Männer sind. (Ich spreche hier von Wochenend-Amateuren.) Dann kommt eine Frau und wertet dieses Ego ab. Ich meine, wie viel sind die Macho-Punkte im Rennsport wirklich wert, wenn eine Frau genauso gut oder sogar besser ist? Ich war immer mütterlich sensibel gegenüber den empfindlichen Egos des MRRDC (so habe ich ihn genannt,
den Men’s Road Racing Driver’s Club). Nachdem ich eines der Mitglieder geschlagen hatte, sagte ich pointiert etwas in der Art: „Wow, dein Auto hat sich seltsam verhalten – es hat auf dieser Rechtskurve bergab wie verrückt untersteuert.“ Wie dankbar waren die Lächeln. Wohlgemerkt, in meinen Worten steckte immer ein Körnchen Wahrheit. Ich behandle Männer nie herablassend. Ich schlage sie manchmal, aber ich behandle sie nie herablassend.“ Sie fuhr Rennen bis zum Ende der 1960er Jahre, darunter die Rally Monte Carlo und bildete im North American Racing Team ein Team mit Pinki Rollo. Als Herausgeberin und Kolumnistin des amerikanischen Automagazins „AutoWeek“ blieb sie dem Automobil und dem Motorsport bis zu ihrem Tod 2015 verbunden.
Ihren Co-Piloten Allen Eager hat sie um acht Jahre überlebt. Der konnte jedoch noch erleben, wie sie 2001 in die Automotive Hall of Fame aufgenommen wurde, auch und vor allem, weil sie sich der Bewegung für die Gleichstellung von Frauen im Berufsleben an, insbesondere an Arbeitsplätzen, die von Männern dominiert werden, angeschlossen hatte. Allen Eager, der nach einem ebenso erfüllten und abenteuerreichen Leben 2003 in Florida starb, blieb die Aufnahme in die American Jazz Hall of Fame, einem US-amerikanischen Jazzpreis, der von 1982 bis 2009 verliehen wurde, versagt. Eine ungewöhnliche, wenn auch nur kurze gemeinsame Karriere.
Eagers Aufnahmen sind heute als antiquarische Langspielplatten, seltener als CD oder in Streamingdiensten erhältlich wie die Bücher von Denise McCluggage in guten sortierten Antiquariaten oder bei Amazon.




















































